Interview mit Vincent Kühne – „Growers Life“

Als deutscher Patient bekommst du deine Medizin in Form von Cannabisblüten in der Apotheke. Wie zufrieden bist du mit dieser Lösung, und welche Veränderungen siehst du zukünftig auf Patienten im Rahmen dieser Medikation und Behandlung zukommen?

Ich bin froh, dass ich heute Can­nabisblüten als Medizin verschrieben bekomme. Sie helfen mir gut durch meinen Alltag. Es ist mir aber auch bewusst, dass es in den nächsten Jahren viel Entwicklung in diesem Bereich geben wird und Blüten, höchstwahrscheinlich, nur noch einen kleinen Teil der Cannabis-Therapie ausmachen werden. Ich denke, im medizinischen wie auch im Recreational-Bereich (Frei­zeit) wird sich vieles hin zu Extrakten und Fertigarzneien entwickeln. Das erkennt man allein daran, wie sich der Recreational-Markt in den USA entwickelt hat, dort hat die Nachfrage nach Extrakten und Cannabis in weiterverarbei­teten Formen wie Edibles (essbare Form) stark zugenommen. Aus Gesprächen mit deutschen Ärzten weiß ich auch, dass sich diese mehr standardisierte Medika­mente aus Cannabis wünschen, die ihnen die Therapien erleichtern könnten.

Du hattest einen langen und ­mühsamen Weg hinter dir, bis du letztendlich dein Medikament, das dich darin unterstützt, einen geregelten Alltag zu führen, verschrieben be­kommen hast. Wo ortest du aufgrund deiner Erfahrung die größten Hürden und Wissenslücken im Bereich des medizinischen Cannabis?

Ich sage aus eigener Erfahrung immer: Unwissenheit führt zu Angst, und Angst blockiert! Denn einer Sache müssen wir uns bewusst sein: Es handelt sich derzeit noch um Off-Label-Medikamente, bei denen die Ärzte die tatsächlichen Wirkungsmechanismen noch nicht ganz verstanden haben. Das ist sicherlich ein Grund, warum sie sich oft noch zurückhaltend zeigen, Cannabis in Blütenform zu verschreiben. Sie wissen halt noch nicht viel über die Wirkungsweise bei jedem Einzelnen. Cannabis kann seine Wirkung bei jedem unterschiedlich entfalten, was dazu führt, dass die derzeitigen Therapien viel Vertrauen und Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten erfordern. Meistens sind es die Patienten, die mehr Erfahrung und Wissen über Cannabis als Medizin in das Gespräch einbringen. Das muss sich ändern! Denn solange die meisten Patienten den Medizinern erklären müssen, wie Cannabis bei ihnen wirkt und warum es gut für sie ist, wird das für viele Ärzte eine Vertrauenssache bleiben. Ab dem Moment, wo Mediziner genauer wissen, wie und bei welchen Symptomen sie mit Cannabis helfen können, werden sie auch anfangen, es öfter zu verschreiben.

Immer wieder wird davon gesprochen, dass die großen evidenzbasierten Studien und Untersuchungen zur Wirk­samkeit von Cannabis in der Medizin fehlen. Woran, meinst du, liegt diese wissenschaftliche Engstirnigkeit, bei diesem Thema nicht vorwärtskommen zu wollen?

Ich würde sagen, diese Aussage ist veraltet, denn das Blatt ist da­bei, sich zu wenden. Es war auch keine Engstirnigkeit aufseiten der Wissenschaft, sondern die Prohibition, die zu einem Stillstand in der Erforschung von Cannabis geführt hat. In den letzten Jahren, seit die Dogmen fallen und sich auch in der Politik wie in der Wirtschaft ein Umdenken einstellt, wird auch wieder mehr geforscht. Jetzt, wo sich die Gesetze weltweit in die richtige Richtung zu verändern scheinen, werden aus der Wirtschaft auch wieder mehr Gelder in Fakultäten für Cannabis-Forschung fließen. Der Trend ist eindeutig zu erkennen.

Bei deinem erfolgreichen Format „Growers Life“ auf Youtube und Instagram ist der Name ja Programm. Wie stehst du zum Thema Eigen­anbau für Patienten?

Ich stehe ganz klar dafür ein, dass jeder Mensch das Recht darauf hat, Cannabis zu kultivieren. Sei es aus medizinischen Gründen, zum freizeitlichen Konsum oder um auf einem legalen Markt seinen Lebensunterhalt damit zu finanzieren. Cannabis anzubauen, erfordert keine Magie. Warum sollten sich also Patienten, denen Cannabis hilft, aber die nicht derartig schwer krank sind, dass sie eine Kostenübernahme erhalten, nicht selbst versorgen dürfen? Die Antwort ist klar: weil hier der Staat und seine Freunde nicht mitverdienen. Es wird derzeit viel Geld an Patienten verdient. Aber seien wir uns einmal ehrlich: Wie viele Menschen werden ab dem Moment, wo es Ärzte gibt, die Cannabis als Medizin verstanden haben, und eine gute Versorgung gegeben ist, Cannabis noch selber anbauen wollen? Nur die wenigsten. Das Denken, dass jeder seine Medizin oder seinen Smoke selber anbauen will, ist ein Bild, welches noch aus den Jahren der Prohibition stammt. Die Realität sieht anders aus, wie man bereits am Beispiel der USA gut erkennen kann. Auch im Recreational-Bereich sehe ich es nicht ein, dass es uns verboten ist, sich in einem gewissen Rahmen selbst mit Cannabis zu versorgen. Der Can­nabisanbau bei Patienten und Privatpersonen wird, wenn der Schwarzmarkt verschwindet, sowieso nur noch Therapie oder Liebhaberei sein. Denn dann wird es für Patienten wie auch Konsumenten einfacher, (kostengünstiger) an Cannabisprodukte zu kommen, als diese selbst zu kultivieren. Und kommen wir zu einem letzten Punkt, der mir wichtig ist und Angst macht. Es sollte auch jedem Bürger die Möglichkeit gegeben werden, ein legales Geschäft in diesem Markt aufzubauen. Nicht nur die großen Firmen mit starker Lobby dürfen Zugang erhalten. Leider sieht man auch dieses Beispiel, wenn man über den Großen Teich schaut.

Herzlichen Dank für das ­Interview, Vincent

INTERVIEW: Andreas Buchrieser
FOTOS: THE GRASSHOPPER Media